Freitag, Oktober 23, 2020
Auswirkungen der Corona Krise auf den Mittelstand in Deutschland

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Die Corona Krise fordert den Mittelstand in Deutschland immer stärker heraus. Zwar gelang es der Bundesregierung mithilfe von Liquiditätshilfen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) einigen Unternehmen unter die Arme zu greifen. Kredite allein stellen jedoch keine Garantie für eine erfolgreiche Bewältigung der aktuellen Krise dar, da durch den Lockdown viele mittelständische Unternehmen ihre Geschäftsgrundlage gefährdet sehen.

KfW beruft sich auf Finanzpolster, BVMW warnt vor Katastrophe

Laut einer Umfrage des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW) unter 1812 Unternehmen befürchtet jeder zweite mittelständische Betrieb das wirtschaftliche Aus, sollte der Lockdown länger als bis Mitte Mai andauern. Zudem gaben drei Viertel der Befragten an, dass die bisher ausgezahlten Finanzhilfen nicht ausreichten, um den Bedarf an Liquidität der Unternehmen zu decken. Allerdings könnten der KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib zufolge viele mittelständische Unternehmen auf ein Polster bei der Eigenkapitalquote von 31 Prozent zurückgreifen, welches sich dank der guten Konjunktur seit 2002 um 13 Prozentpunkte vergrößert habe. Dies gelte jedoch keinesfalls für kleinere Betriebe, deren Eigenkapitalquote derzeit bei 22 Prozent liege und erheblichen Schwankungen unterworfen sei.

Corona-Krise bedroht die Existenz des deutschen Mittelstands

Mehr als 2 Millionen kleine und mittlere Unternehmen sahen sich bereits im März mit Umsatzeinbußen aufgrund der Corona-Pandemie konfrontiert. So gingen über die Hälfte der üblicherweise in diesem Monat zu erwartenden Umsätze verloren. Insgesamt büßte der Mittelstand schon im März rund 75 Milliarden Euro an Umsätzen ein, meldete das Portal KfW-Research am 28. April. Wie das Handelsblatt am 16. April berichtete, hätten 50 Prozent der Firmen Soforthilfen beantragt, 35 Prozent der Betriebe Mitarbeiter zur Kurzarbeit angemeldet und 19 Prozent Steuerstundungen beantragt.

Der Präsident des deutschen Mittelstandes Mario Ohoven warnte jedoch davor, in der Krise allein auf Kredite zu setzen. Für viele mittelständische Unternehmen würde eine hohe Schuldenlast bedeuten, die Probleme in die Zukunft zu verschieben, Insolvenzen also bloß zu verzögern statt zu verhindern. Darum forderte der Mittelastandspräsident eine zuverlässige Exit-Strategie samt Steuersenkungen und zielgerichteten Konjunkturprogrammen. Andernfalls drohe dem deutschen Mittelstand ein „Kahlschlag ungeahnten Ausmaßes“.

 

Familienunternehmer sind besorgt

Auch der Verband der Familienunternehmer äußerte sich besorgt über die Folgen der Corona Krise auf die Unternehmen. Präsident Reinhold von Eben-Worlee bezeichnete die Lockerungspolitik der Regierung als eine „kaum zu ertragenden Nachricht“ und prophezeite, dass viele Familienunternehmen nicht mehr bis Mai würden durchhalten können.

Wirtschaftsprüfer Albrecht Bacher von der Wirtschaftskanzlei Menold Bezler sieht die Existenz vieler Betriebe in Gefahr, da es ihnen an Substanz fehle, eine derartige Krise finanziell durchzustehen. Es bräuchte ein Durchhaltevermögen unbekannten Ausmaßes, so der Wirtschaftsprüfer.

Der Lockdown und die Folgen

Am 1. Mai veröffentlichte der BVMW einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin, in dem die Folgen des Lockdowns für den Mittelstand sehr deutlich ausformuliert wurden. Auf keinen Fall dürfte der ökonomische Stillstand länger als bis Ende Mai andauern, da sonst die finanziellen Auswirkungen nicht mehr zu bewältigen seien. Zitiert werden in diesem Schreiben u.a. Äußerungen des Wirtschaftsweisen Lars Feld und dem Infektionsmediziner Professor Krause vom Helmholtz-Zentrum. Dieser behauptet gar, die gesamtgesellschaftlichen Einschränkungen müssten so kurz wie möglich ausfallen, weil durch sie sonst mehr Menschen sterben könnten als durch Covid-19 selbst.

Wirtschaftsprüfer Bacher hält eine Rückkehr zur sogenannten Normalität für wenig realistisch. Zwar seien die Lockerungen dringend geboten. Es könnten bei der Öffnung der Wirtschaft jedoch unerwartet Probleme auftreten, wenn die Liquiditätshilfen einmal ausliefen, aber weiterhin Investitionen getätigt werden müssten, um das Unternehmen wieder zum Laufen zu bringen. Schließlich müssten die Finanzhilfen zurückgezahlt und gleichzeitig neue Ausgaben bewältigt werden, ohne aus laufenden Einnahmen schöpfen zu können. Vielen Betrieben könnte daher paradoxerweise gerade dann die Luft ausgehen, wenn der Shutdown aufgehoben ist.

Warnungen und Perspektiven

Was dem deutschen Mittelstand aktuell wirklich fehlt, ist eine Perspektive und Planbarkeit der wirtschaftlichen Tätigkeit. Aus diesem Grund fordert der BVMW in seinem Brief an die Kanzlerin eine sofortige Aufhebung des Lockdowns. Als namhafte Unterstützung seines Appells führt der Verband den ehemaligen Verfassungsrichter Udo di Fabio und den Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble an. Beide warnten vor einer Überforderung des Staates und einer dauerhaften Freiheitsberaubung der Bürger und somit der Einschränkung unternehmerischer Freiheit, auf der der Wohlstand der Bundesrepublik Deutschland beruhe.

Die Auswirkungen der Corona Krise auf den Mittelstand in Deutschland werden wohl erst richtig sichtbar, wenn die Kontaktsperren und wirtschaftlichen Einschränkungen gelockert werden. Ab dem Zeitpunkt können mittelständische Unternehmen erst abschätzen, ob und wie sich ihre wirtschaftliche Zukunft gestalten wird. Da viele Menschen von Kurzarbeit, sogar Arbeitslosigkeit bedroht sind, lässt sich bislang gar nicht erkennen, in welchem Ausmaß sowohl der Konsum als auch Investitionen in Eigenheime, Renovierungen und andere größere finanzielle Vorhaben zurückgestellt werden. Wer sich von Armut bedroht fühlt, kann erst wieder investieren, wenn die tatsächlichen Folgen des Stillstands zu beziffern sind.

 

 

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